einundzwanzig null acht

Wir alle haben Erwartungen an unser Leben. Wir schauen in die Zukunft und rechnen ganz fest damit, eines Tages Karriere zu machen, Familie zu gründen, unseren sechzigsten Geburtstag zu feiern. Auch wer sich keine konkreten Vorstellungen macht, erwartet doch zumindest etwas Derartiges von seinem Leben. Damit ordnen wir uns ein in die Zeit, die uns gegeben ist, in dem Wissen, dass sie begrenzt ist. Und machen uns nicht selten vor, dass das Beste noch vor uns liegt. Auch ich sehe die Welt mit diesen Augen, mit den Augen eines jungen Mannes. In meinem Alter liegt die statistisch zu erwartende Lebenszeit ja tatsächlich noch weit über dem, was ich bisher erlebt habe. Meine Eltern sind in einer anderen Situation. Ihr Leben ist erwartungsgemäß zu mehr als die Hälfte vorbei. Und mit der Erfahrung, dass Zeit subjektiv immer schneller vergeht, je älter man wird, verbessern sich die Erwartungen an die Zukunft auch nicht mehr. Das ist natürlich, heißt es dann um die Nerven zu beruhigen. Wenn die Krise überwunden ist, werdet ihr euch mit dem schrittweisen Abbau eures Lebens in der natürlichen Zwangsläufigkeit des Alterns abfinden. Ihr könnt euch auf die Früchte eurer Arbeit freuen, mit ansehen, wie eure Kinder als Erwachsene leben und euch bald auf die Aussicht des Lebensabends stürzen. Wo die Großeltern zweifellos schon angekommen sind. Der Tod hat seinen unmittelbaren Schrecken verloren, wenn man sich genügsam zurücklehnen kann und auf ein ereignisreiches Leben zurückblickt. Jede Vorstellung von lebensverlängernden Maßnahmen wird zu einer Störung im Bewusstsein. Jedes Streben junger Menschen nach Unsterblichkeit zu einer lächerlichen Phantasie. Denn schließlich muss man ja sterben! Es hat keinen Sinn, sich dagegen zu wehren. Man ist ja auch müde vom langen Leben, fällt einem plötzlich auf.

Ich bin noch jung. Und die meisten Leser wahrscheinlich auch. Ich habe noch die Phantasie von der Unsterblichkeit. In meinen Augen finden sich die Menschen viel zu leichtfertig mit der Sterblichkeit ihrer Körper ab, als es gut für sie ist.
Was wäre, wenn mittels lebensverlängernder Techniken der Abbau des Körpers gestoppt werden könnte?
Was wäre, wenn das Bewusstsein des Menschen von seinem Körper unabhängig überleben könnte?
Was wäre, wenn wir über unsere Lebenserwartung selbst entscheiden könnten?
Ich habe die Erwartung, noch mindestens einhundert Jahre zu leben. Ich hoffe auf eine technologische Entwicklung, die uns von der Begrenztheit unseres Lebens befreit. Die uns davon befreit, uns in einem Lebensabschnitt zu sehen, mit soundso viel Jahren nach vorne und nach hinten. Die unseren Horizont öffnet und unseren Geburtstag vergessen lässt.

Dieser Blog ist eine Fußnote aus einer Zeit, in der der Mensch nicht selbst über sein Leben entscheiden kann. Er soll die Entwicklungen von einhundert Jahren begleiten und zugleich ein Portrait meiner Person sein.

Jeder Leser, der zu meinem 124. Geburtstag am 17. Oktober 2108 mindestens 100 Jahre alt ist, wurde in eine Zeit geboren, in der die Menschen mit der Erwartung groß wurden, dass das Leben begrenzt ist. Das ist es, was uns verbindet. Und dieser Sache wollen wir an eben diesem Datum gedenken. Dazu lade ich recht herzlich ein.

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