Kommentar auf futur.plom.de

Veröffentlicht auf von Erik

Auf Christian Hellers Weblog plomlompom.de gibts zurzeit ne spannende Diskussion über die Bedeutung von Wissenschaft und Fortschritt am Beispiel des Vergleichs zwischen Mittelalter und Moderne. Ich habe mich u.a. hier mit diesem Kommentar beteiligt:

In der Erkenntnistheorie/ Wissenschaftstheorie ist “Wissenschaft” ein System zur Schaffung intersubjektiv anerkannten Wissens. (banal: Wissenschaft ist das was Wissen schafft) “Wissen ist demnach nur etwas, worauf man sich einigt, nicht “Wahrheit”! Dies gilt für Naturwissenschaftliche Gesetzte ebenso, wie für Geisteswissenschaftliche Konstrukte.
Dabei fallen zur Erfassung der Wirklichkeit zwei Möglichkeiten ins Auge:
1. der Induktivismus – also der Schluss aus den Tatsachen selbst auf die Erkenntnis
2. der Deduktivismus – der Schluss aus schon vorhandenen “Erkenntnissen”/ Annahmen auf die Tatsachen (anders: man erkennt nur das, was man schon irgendwie kennt)

Der Induktivismus ist im Grunde nicht möglich. Wenn wir etwas vor uns liegen haben – zum Beispiel ein außerirdisches Artefakt, das keiner uns bekannten Bauart ähnelt – dann können wir lange raten. Aber wir werden AUS der Tatsache selbst nicht auf die Funktion schließen.

Ideen und Theorien sind tatsächlich immer das Zusammenwirken von Vorwissen und Spekulationen. Auch wenn diese Prozesse einem nicht immer bewusst sind. “Einer inneren Eingebung folgend …” ist immer ein Zeichen für deduktives Vorgehen.


Ich weiß: die Frage, die sich aufzwingt ist, wie denn dann die ersten Annahmen gebildet werden. Das ist genauso spannend, wie die Frage nach dem Beginn der Evolution. Aber darum geht es nicht. Wir befinden uns nunmal (offenbar) in einem evolutionären Prozess.

Und die Evolution (ich spreche jetzt von geistiger Evolution, nicht von biologischer) wird von der Wirklichkeit durch die Zeit gezogen. Sie bewegt sich nicht zielgerichtet nach vorne sondern mit dem Blick zurück! Denkmuster, Verhaltensweisen, Normen und Werte, die in der näheren Vergangenheit erfolgreich waren und dazu einen gewissen Überlebenswert bewiesen haben, werden dann auch in der Gegenwart so ausgeübt – ungeachtet, ob sie diesesmal auch erfolgreich sein werden. Damit will ich nur darauf hinweisen, dass die Evolution keine “Meme” oder “Gene” schafft, die SICH an die bestehende Natur anpassen, sondern lediglich an die kürzlich vergangene Natur (die bei ihrer Entstehung existierte) angepasst sind.


Warum erzähle ich das? Weil das ein wunderbares Beispiel für ständig beobachtbare Phänomene (auch im Alltag) ist, das mit formallogischer Hypothesenbildung beschrieben werden kann. Nach dem Schema: Wenn Situation A mit Faktor B zusammentrift, und ich bei Faktor B immer dasselbe Verhalten zeige, dann werde ich auch in Situation A total dasselbe Verhalten zeigen. Könnt Ihr ja mal beobachten. Ist erstaunlich, wie man immer wieder (beinahe sklavisch) denselben Mustern folgt. Ich rede hier von Mustern. Diese Muster (so und auch in anderer Form) sind meine Auffassung von Memen.


@Ruben:

Wissenschaftstheoretisch ist die Klärung der Konstruktion von Werten und Normen viel wichtiger, als die Frage nach ihrer Gültigkeit! Nur weil ich mich diesmal tatsächlich wieder so verhalten habe, heißt das nicht, dass diese Theorie gültig ist. Das ist doch im Grunde dein Kritikpunkt, oder?


Werte und Normen sind nie letztgültig! Das ist ja das Problem mit der sich zum Beispiel Erziehungwissenschaftler herumschlagen müssen! Wie konstruiere ich Werte und Normen für die Erziehung von Menschen?


Zur Veranschaulichung des Problems möchte ich das Münchhausen-Trilemma anführen:
a) der infinite Regress: die unendliche Begründung einer Norm mit immer noch einem Grund, wieso etwas ist (immer weiterfragen: warum? warum? warum? …)
b) der Zirkelschluss: die Begründung einer Sache mit sich selbst (berühmter Zirkel des Biologen und Nobelpreisträgers Konrad Lorenz: Tiere sind aggressiv, um sich fortzupflanzen. Tiere pflanzen sich fort, weil sie aggressiv sind.)
c) der dogmatische Abbruch: ein Grund wird als gegeben angenommen und unveränderlich als letztgültig festgelegt (z.B. “Gott”)


Wie kommt man da jetzt heraus, wenn man seine Kinder erziehen will? Die beste mir bekannte Lösung ist die Setzung von Grundnormen, von denen man ausgeht und sieht, wie weit man damit kommt. Wenn irgendwo Probleme auftauchen gehe ich zurück und überprüfe die Norm – so entgeht man dogmatischen Setzungen. Wie mache ich das? Das wichtigste ist die Konsistenz! Normen müssen konsistent untereinander sein, um auch zu funktionieren. Bei unveränderlichen Regeln oder willkürlichen Befehlen werden irgendwo irgendwann Widersprüche auftreten, die dann ungelöst bleiben. Mit dieser Methode hier, kann ich die Lage neu bewerten und weiterentwickeln. Die Überprüfung von Grundnormen – das ist, was ich unter Fortschritt verstehe.


Da frage ich nicht nach universeller Gültigkeit! Ich weiß vielmehr, dass das nur eine vorübergehende Lösung ist, bis eine weiter Anpassung nötig ist – weil ja alles , wie man so schön sagt, im Fluss ist. Und diese Weiterentwicklung kann schon ganz konkret durch Technologien und daraus resultierenden sozialen Verschiebungen erfolgen! Wichtig ist hier der kulturelle Konsens. Was in der Kultur gerade (einigermaßen) konsistent ist, wird zu ihrem Konsens (Wie zum Beispiel in muslimischen Ländern die Diskriminierung der Frauen und in westlichen Ländern die Diskriminierung von Alten). “Richtig” ist in diesem Zusammenhang das, was im Konsens liegt, und “falsch”, das was außerhalb liegt.


Worauf ich hinaus will ist, dass Wissenschaft hier bitte nicht nur auf Naturwissenschaft reduziert werden sollte! Ich sehe ein, dass Naturwissenschaftler wenig erkenntnistheoretisches Verständnis haben, aber Geisteswissenschaftler beschäftigen sich durchaus mit diesen Problemen! Wissenschaft ist eben nicht rein positivistisch, wie Aleks es so schön behauptet hat (“Zusammenstellen falzifizierbarer Fakten”). Es geht um die Konstruktion, Konsolidierung und Korrektur von ganzen Systemen theoretischer Konstrukte (geisteswiss.) und Gesetze (naturwiss.). Die Erkenntnistheorei und die wissenschaftstheorie spielen da heute eine wichtige Rolle mit, wenn man sich z.B. nur mal den ganzen Bereich der Pädagogik ansieht.

 

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