für den Sargzwang demonstrieren

Veröffentlicht auf von Erik

Allerlei Menschen erleben vieles in ihrem Leben, dass sie nicht recht durchschauen - und auch nicht durchschauen wollen - worüber sie sich aber nur allzu oft wundern oder ärgern. Dinge können nur selten wortreich expliziert werden und selbst wenn es einem auf der Zunge liegt, und die frechen Worte des selbstgefällig grinsenden Sicherheitpersonals am Durchleuchtungsschalter auf dem Flughafen nach Vergeltung schreien, begnügen sich die Meisten - oder offtmals auch Alle - damit, deeskalationsstrategisch unterwürfig zu agieren. Ist ja auch viel einfacher so. Man fällt so nicht auf. Man kommt so schnell weiter. Man verschwendet so keine Energie an niedere Geschöpfe. Man überlebt so. Zahlreiche dieser Situationen vergehen auf diese Weise ungenutzt und unbemerkt.

Der Literat (ich will ihn mal so bezeichnen, in Ermangelung eines besseren Begriffs) und Publizist Max Goldt macht es sich nun zu eigen, genau diese - vermeintlich alltäglichen - Situationen auszuschmücken und in ihre Einzelteile zu zerlegen, um potentiell situationskomisches daraus zu gewinnen. Offtmals bringt er damit banale Dinge wortreich und verständlich auf den Punkt, dass es scheint, die Tatsachen der Welt selbst seien es, die den Witz erzeugten. Dem ist natürlich nicht so! Aber es ist die hochtrabend feinsinnige Kunst des Vorlesers Goldt, durch rhetorisches Geschick, wortreiches Manövrieren und geübt intoniertes Sprechen, mit inhaltlich einfachstem und uninteressantestem schon beinahe philosophische Komik zu erzeugen. Es scheint, als springe einen die moralische Inteligenz seiner geschilderten Beobachtungen geradezu an und allein dieser Offenbarungsakt zwingt zu beinahe schadenfrohem Lachen über die (vermeintliche) Wirklichkeit.

Schon lange bin ich nun ein Bewunderer dieser Goldtschen Lesekunst und höre immer wieder gerne seine kompliziert formulierten - doch leicht zu verstehenden - Weisheiten zum banalsten von allem das alltäglich ist. Der geneigte Leser wird bemerkt haben, dass ich in meinen Formulierungsversuchen hier nicht unwesentlich vom Trend zum Komlizierten, umständlich Formulierten, mit unzählichen Kommata und unnötig verschachtelten Nebensätzen doch zumindest am Rande beeinflusst bin. Besonders die geschickte Setzung ausgefallener Adjektive und Adverbien stellt mich blutigen Anfänger immer wieder vor eine große Herausforderung. Max Goldt gab mir irgendwo auch Selbstvertrauen, nicht davor zurückzuschrecken. Zeigte mir, wie man mit genauester Komposition Einfaches ausdrücken kann. Bei einem erstklassigen Sänger muss der schwierigste Ton wie mit Leichtigkeit getroffen werden, ganz gleich, wie hart dies für den Sänger ist. Und ebenso scheint Goldt mit Leichtigkeit zu Formulieren.

Gestern hatte ich das große Glück, von einem lieben Freund zu einer Lesung im Hamburger Schauspielhaus eingeladen worden zu sein. Es war das erste Mal, dass ich Max Goldt live erlebt habe. Und ich kann nur sagen, dass ich mich köstlich amüsiert habe. Er laß über seine Erfahrungen mit einer barbusigen Rentnerin, die auf einem Friedhof ein Grab exhumierte, über eine Naturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Flughafendurchleuchtungspersonal, Weblogs über Deutschland, die undifferenzierte Glorifizierung von Büchern und sogar übers Fernsehen.

Mein Urteil: Hervorragend
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