"Spandau, Alter!!! Weißt Du wo das ist?"

Veröffentlicht auf von Erik

Vor Jahren schon bin ich aus einem Ruderverein in Berlin Köpenick ausgetreten, um in einem Spandauer Club als Trainer neu anzufangen. Dem geneigten Ost-West-Kenner wird sofort auffallen, dass dies ein kleines Sakrileg darstellt. Köpenick liegt im Osten Berlins, Spandau im Westen. Und drüber hinaus ist es in meinem Fall nicht nur so, dass ich - was schon schlimm genug ist - einfach von der Ostberliner Szene, in die ich quasi hineingeboren wurde, in die mit Argwohn, ja beinahe mit Feindseligkeit, betrachtete Westberliner Szene überlief, sondern ich tat dies auch noch im Rudern. Einem Sport, der in Berlin schon seit Anbeginn der Zeit in Ost und West geteilt ist. Dies liegt anders, als in allen anderen Gegenden Deutschlands tatsächlich nicht an der Teilung des Landes von 1949 bis1989, sondern schlicht an den Geographischen Gegebenheiten der Stadt. In Spandau arbeitet man vorzüglich mit Potsdamer und Neurupiner Rudervereinen zusammen und überwindet schon seit Anfang der Neunzigerjahre Teilungsideologische Ressentiments. Durch die für Ruderboote nahezu unpassierbare Barriere der Berliner Innenstadt ist eine enge Kooperation mit Ostberliner Vereinen jedoch auch bei bestem Willen nur schwer möglich. Ich kann nicht leugnen, dass dieser Wille nicht vorhanden wäre, doch er wird in der gängigen Praxis des Alltags meistens von Vorurteilen und verirrtem Lokalpatriotismus überlagert, der zumindest im Osten der Stadt auf ganz erbärmlich offensichtliche Weise reproduziert wird. Daher bleiben Kooperationen - da wo sie stattfinden - auch heute noch eher die Ausnahme und wenn dann von westlicher Seite iniziiert. Besonders im Kinder- und Jugendbereich ist durch die flächenmäßige Ausdehnung der Stadt eine so genannte Renngemeinschaft mit Vereinen der anderen Stadtseite auch eher unzweckmäßig. Die Fahrwege sind einfach zu lang. Ich kann daher damit leben, wenn Kooperationen im praktischen Leben eher nicht zustande kommen. Aber womit ich nicht leben kann ist der im Folgenden dargestellte Fall.

Ich wurde mit 21 als Übungsleiter in Spandau engagiert, um für eine Aufwandsentschädigung von 250 Euro monatlich eine Handvoll Junioren zu trainieren. Als junger Trainer konnte ich da nicht wählerisch sein und schluckte meine eigenen Erwartungen an eine Anstellung im heimischen Osten brav herunter, wie es sich gehörte. In Spandau angekommen machte ich mich sofort an die Arbeit und erkannte, dass Die im Westen gar nicht so doof sind, wie ich aus unerfindlichen Gründen immer angenommen hatte. Stolz auf die erste selbstbeschaffte Arbeit und die Verantwortung, die mir fortan übertragen werden würde, erzählte ich in Köpenick von meinem neuen Glück. Mir ist in meinem Leben bis dahin und seitdem nie mehr eine offenere und zugleich von niemandem sonst bemerkte Verhaltensänderung in meinem persönlichen Umfeld entgegengeschlagen, wie in diesen wenigen Wochen. Ich bemerkte es selbst erst nicht, bis mir ein brutal ahnungsloser Jugendlicher, der nur zwei oder drei Jahre jünger war, als ich, mit ekelhaft verzerrtem Gesicht die Frage stellte: "Spandau, Alter!!! Weißt Du wo das ist?" Dabei trug er einen Rucksack mit Che Guevara Sticker, einen CCCP Pullover und eine NVA-Gürtelschnalle.

Das muss man sich mal vorstellen! Da haben wir einen jungen designierten Hauptschulversager - OHNE Migrationshintergrund - der vielleicht in den Jahren 1987 oder 88 geboren wurde, der tatsächlich glaubt, die DDR wäre noch keine abgeschlossene Geschichte und der Menschen nach Ost und West kategorisiert. Das ist der Inbegriff unfreiwilliger Komödie :)

Viel gravierender - und für meinen bald darauf gefolgten Austritt aus dem Verein bedeutsamer - waren die subtilen Reaktionen der erwachsenen Generation über vierzig. Nett durch und durch, und doch so selbstverständlich ablehnend gegenüber allem was außerhalb ihrer falschen kleinen Wahrheiten liegt. Es gibt kaum etwas, das so schlimm ist, wie Ostdeutsche, die ihre eigene Situation bejammern. Da werden Vergleiche mit dem Westen an den Haaren herbeigezaubert. Die eigene Armut wird komplett als bewusst und absichtlich durch DEN heutigen Westdeutschen verschuldet hingestellt. Nichts kluges wird gegen Missstände im eigenen Haus unternommen. Geld wird zum Fenster herausgeworfen. Und was am schlimmsten ist: den Kindern wird bei Zeiten eingebleut, das Der Wessi einzig und allein die Rolle des Ausbeuters und den Ossi als Menschen zweiter Klasse behandelnden - im Prinzip unterentwickelten - Dumkopfes spiele. Dies geschieht natürlich nicht rational oder bewusst. Wenn Ossi und Wessi zusammenstehen interessiert es eigentlich keinen von beiden, wo der andere herkommt. Nein, aber die Gespräche und die Erziehung zu Hause haben diesen Unterton - heute noch.

Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben. Nein Danke!

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