Volkswirtschaft 2.0

Veröffentlicht auf von Erik

Viel geklagt wird heutzutage über die Ungleichverteilung von Ressourcen und die daraus resultierenden Ungerechtigkeiten in der Welt. Einfach alles ist ungleich verteilt: Haarfarbe, Augenfarbe, Penislänge, Körpergröße, Nahrung, Kraft, Ausdauer, Kapital, Erzvorkommen, Energie, Lebensraum, Freunde, Bildung und vieles mehr. Das ist simpel und an und für sich noch nicht groß problematisch. Ungerecht werden diese Ungleichverteilungen erst, wenn Lebensgrundlangen des Einen durch den Wohlstand eines Anderen beschnitten und Teilhabechancen an der Kultur der Gesellschaft verringert werden. Dann können unangenehme Phänomene, wie Amokläufe, Suizide, Kriminalität, religiöser und politischer Fundamentalismus oder Terrorismus die Folge sein. Ich vereinfache stark! Natürlich sind viel subtilere Probleme, wie zum Beispiel Stress, Nikotinsucht, Alkoholismus, Fettleibigkeit, Depressionen, oder einfach nur geringere Kreativität die unmittelbaren Folgen von Ungleichverteilungen. Sobald diese Ungleichheiten jedoch Überhand nehmen, drohen die Betroffenen an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden, da sie nicht mehr die Möglichkeiten haben, an der gemeinsamen Kultur teilzunehmen. Dies gilt nicht nur für die Bettelarmen, sondern auch für die Superreichen! Dass die Bettelarmen durch den Umstand ausgeschlossen werden, sich keinen Kinobesuch oder wetterfeste Kleidung leisten zu können, ist klar. Aber die Superreichen nehmen sich selbst durch ihren vom Durchschnitt abweichenden Lebensstil ebenso aus der gemeinsamen Kultur heraus wie Obdachlose. Beobachtungen zeigen hier den enthemmten, sich über einfachste Straßenverkehrsregeln aufregenden Millionenerben, der in seiner Luxusvilla in Bel Air ebensowenig ein produktives Mitglied der 80% Normalgesellschaft sein kann, wie ein mittelloser Zeitgenosse. Doch um diese letztere Gruppe mache ich mir weniger Sorgen - besitzt sie doch zumindest prinzipiell alle Teilhabechancen, wie zum Beispiel die auf Bildung. Mir geht es im Folgenden eher um die Vermeidung von an den Rand der Gesellschaft gedrängten Extremisten, die keine Chancen mehr sehen, an der Kultur noch teilnehmen zu können.

Das Problem der Marktwirtschaft liegt hauptsächlich darin, dass eine prinzipielle Chancengleichheit nicht gewährleistet werden kann. Sozialisten versuchen Gleichheit durch Beschneidung der Freiheit zu erreichen, indem sie die Reichen bestehlen, um die Armen zu beschenken. Dies ist aber nur eine Umverteilung - deren bürokratischer Aufwand nebenbei gesagt enorm ist - und keine wirkliche Ordnung von Gleichheit. Die Menschen müssen, wie wir in der DDR gesehen haben, mit starken Regeln und Gesetzen zur Gleichverteilung von Ressourcen gezwungen werden, die jedoch nur durch sehr ungleichen Arbeitaufwand bereitgestellt werden können. Gleichheit zu erzwingen kann also nicht die Lösung sein. Dabei ist prinzipielle Gleichheit in allen Bereichen wohl auch gar nicht erstrebenswert. Chancengleichheit zum Beispiel im Bereich der Bildung - vom Kapital der Eltern unabhängige Bildungsaussichten für jedermann etwa - wäre schon viel erstrebenwerter. Die entstehenden Kompetenzen und das bevölkerungsweit gesteigerte Verständnis für Fortschritt und Gerechtigkeit käme allen zugute. Doch wie geben wir den Menschen die gleichen Ausgangschancen auf der einen Seite, ohne ihre freie individuelle Entwicklung auf der anderen Seite zu beschneiden?

Zu diesem Zweck lohnt es sich, einmal das bestehende Wirtschaftssystem näher zu beleuchten. Vereinfacht gesprochen wird Geld als allgemein anerkanntes Tauschmittel von der Zentralbank gedruckt und in Umlauf gebracht. Die Menge des Geldes muss prinzipiell konstant gehalten werden, um einen einheitlichen Wert zu bestimmen. Wenn das Volumen der Wirtschaft insgesamt expandiert - also mehr Menschen wirtschaften - muss auch mehr Geld gedruckt werden, um ein Wachstum zu ermöglichen. Da zum Beispiel in Deutschland ein konstantes Wirtschaftswachtum angestrebt wird, druckt unsere Zentralbank jährlich um die zwei Prozent mehr Geld. Das nennt man dann eine gewollte schleichende Inflation. Soweit so gut! Wie gelangt das Geld jetzt in die Hände der Menschen? Hier liegt der Knackpunkt, der bisher technisch nicht anders umsetzbar war, heute aber leicht geändert werden könnte. Der einzelne Mensch ist die Basis der gesamten Wirtschaft. Die Geldmenge sollte sich demnach nach der Anzahl aller wirtschaftenden Menschen bemessen. Das ist in Deutschland jedoch nicht möglich. Denn es gibt keine bundesweite Volkszählung! Das Statistische Bundesamt kann nur Klumpenstichproben aus einzelnen Kommunen zur Schätzung der Grundgesammtheit heranziehen, da es keine Gesamteinwohnermeldelisten gibt. In Wirklichkeit kann die Bevölkerungszahl stark von dem weithin angenommenen Wert von 82 Millionen abweichen. Die Zentralbank gibt das Geld demnach nicht direkt an die Menschen, sondern an die Landesbanken. Erst von dort beziehen die Unternehmen ihre Kredite und Finanzspritzen, um zu wirtschaften. Die Menschen selbst ziehen ihr Geld wiederum aus den Untenehmen, an denen sie sich beteiligen - sei es als Angestellter oder als Unternehmer. Und an der Stelle geschieht das Verhängnisvolle: Die Landesbanken nehmen Zinsen auf das von ihnen bereitgesellte Geld. Grob vereinfacht kann man also sagen, das Geld wird von der Zentralbank gedruckt, an die Landesbanken verteilt und von dort nur unter Zinsen an die Menschen weitergegeben. Warum Zinsen? Um einen stärkeren Einfluss auf den Markt ausüben zu können. Das so gewonnene Geld nutzen die Landesbanken für Investitionen und Spekulationen. Wenn sich große Banken verspekulieren und dabei den Wert einzelner Kredite aus den Augen verlieren, entsteht eine Finzanzkrise wie im Herbst 2008. (Ich bin kein Volkswirtschaftler! Ich bemühe mich hier um eine möglichst einfache Darstellung. Wenn igendwas grundlegend falsch ist, korrigiert mich bitte!)

Meine Frage lautet jetzt: Warum ist dieser Mittelschritt über die Banken notwendig? Es ist doch heute, in Zeiten des Web 2.0 sicher möglich, jeden Menschen direkt aus der Zentralbank zu beliefern. Machen wir einmal dieses Gedankenspiel! Jeder Mensch, elektronisch gezählt und erfasst, erhält einen bestimmten Betrag aus der Zentralbank als zinslosen Kredit. Der soll für alle bei der Geburt gleich groß sein und muss am Lebensende zurückgezahlt werden. Nehmen wir der Einfachheit halber den Wert 1Mio. für jeden. Mehr Geld wird nicht gedruckt. Das alltägliche Leben findet statt, wie unseres, nur diesmal mit wirklichen selbstregulierenden Kräften des Marktes. Jeder Mensch kann sein Geld ausgeben und damit wirtschaften wie er will. Man kann privat investieren, muss sich täglich Lebensmittel kaufen und sollte sich an privaten Unternehmen beteiligen, um nicht auf null zu sinken. Da werden wir schnell sehen, dass einige Menschen erfolgreicher sind als andere, Kapital anzuhäufen. Die Verteilung wäre sehr bald wieder sehr ungleich - vergleichbar mit der in unserer Gesellschaft. Aber sie wäre prinzipiell Chancengleich! Weil jeder mit demselben Kapital startet. Stirbt ein Mensch, zieht die Zentralbank die 1Mio. wieder ein. Hat der Mensch mehr auf seinem Konto, wird der Überhang zu gleichen Teilen auf alle Teilnehmer der Gesellschaft verteilt. Hat der Mensch weniger als 1Mio. wird der fehlende Betrag von allen gleichmäßig abgezogen. In beiden Fällen wäre kein Wertverlust und keine Wertsteigerung des Kapitals der Weiterlebenden zu befürchten, da sich die Zahlung ja erstens auf alle in demselben Maße bezieht und zweitens statistisch gesehen ebenso viele Menschen mit mehr als 1Mio., wie mit weniger sterben. Es geht darum, dass die eine Million, die bei der Geburt eines neuen Gesellschaftsbürgers in das System gesteckt wird, am Ende wieder herausgezogen wird! Dadurch bleibt das Gesamtvolumen konstant im Verhältnis zur Bevölkerungszahl.


Was wären die Folgen? Es könnten sich ganz normal Kapitalistische Märkte gründen, private Banken, die sich das Geld von den Menschen gegen Zinsen leihen, um an anderer Stelle zu wirtschaften. Die Einflussmöglichkeiten des Staates könnten dieselben sein, wie bisher: über Steuern. Allerdings plädiere ich für eine steuerfreie und nationalstaatsfreie Gesellschaft. Die Zentralbank und Gerichtshöfe könnten als Verwaltungsorgane, die einer demokratischen Kontrolle unterliegen, für die Durchsetzung von Recht und Ordnung sorgen. Während sich der Rest der Menschheit in einer Art bottom-up Politik à la Web 2.0 organisiert. Die entscheidenste Folge wäre jedoch, dass jeder Mensch von Geburt an denselben Anteil am Gesamtvolumen der Wirtschaft hat, wie alle anderen auch. Und dass es viel stärker auf seine eigenen Fähigkeiten, seinen eigenen Ehrgeiz und seine eigene Kreativität ankommt, um erfolgreich zu sein. Zu diesem Zweck muss der Kredit gleich zu Beginn des Lebens gewährt werden. (Solange man minderjährig ist, beziehen die Eltern zum Beispiel ihr Kindergeld aus dem Kredit des Kindes) Dadurch werden vor allem Bildungschancen viel unabhängiger vom Kapital anderer. Und wenn einer arm wird, hat er zunächst mal keinen Grund, sich darüber zu beklagen. Andersrum stehen die Möglichkeiten nach oben offen und man kann so reich werden, wie es der amerikanische Traum verspricht.

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