Religion

Veröffentlicht auf von Erik

Aus gegebenem Anlass möchte ich mal in aller Kürze meine Meinung zum Thema Religion darlegen. Gleich vorweg: ich bin was das angeht stark von Richard Dawkins' Buch The God Delusion - Der Gotteswahn beeinflusst, das bei uns Ende 2007 erschien. Die kritischeren Leser mögen mir meinen latenten Fundamentalismus nachsehen. Doch genau diese Erfahrung ist schon sehr wertvoll und verdient eine kurze Erwähnung. Mir wurde im Frühjahr 2008 (also vor etwa einem halben Jahr) einmal atheistischer Fundamentalismus vorgeworfen. Und zwar von einem katholischen Anwalt, mit dem ich die Leidenschaft für den Rudersport teile. Das führte mir schlagartig vor Augen, dass Fundamentalismus - die gefährlichste Ausformung von Religion - gar nicht nur religiöse Menschen befällt. Jede Ideologie ist anfällig dafür. Unter diesem Aspekt las ich Dawkins noch einmal und erkannte, dass ich ihn nur allzu eifrig fehlinterpretiert hatte. Zeitgleich entstand nämlich ein atheistisches Hochschulforum an meiner Universität. Und ich stimmte nur zu gerne in die atheistische Hetze gegen Religionen mit ein - obschon ich mich ziemlich zurückhielt.

Nach der Fundamentalismuskritik, die mir - wie ich rückblickend weiß - in einem eher unpassenden Moment, in dem ich durchaus Recht behalten konnte, an den Kopf geworfen wurde, änderte ich meine Einstellung. Es ist ja gerade das Wesen des fundamental religiösen Predigers, auf ein Buch zu verweisen und alles in der Welt so auszulegen, dass es damit erklärt werden kann. Doch Dawkins sagt explizit, dass wir nicht das Buch - wie etwa Darwin's Entstehung der Arten - als heilige Schrift anbeten und der Evolutionstheorie glauben, sondern vielmehr, dass wir kritisch die Belege hinterfragen und schließlich zustimmen, unter dem Vorbehalt, dass neue Belege die Theorie verändern können. Wissenschaftler sagen eben nicht, was wahr und was falsch ist (Ok, man kann oftmals schon sagen, was falsch ist. Aber letztgültige Wahrheiten gibt es nicht.) Demnach entfällt es auch, dass Menschen der Wissenschaft, für die sich viele Atheisten (zu unrecht) halten, Wahrheiten predigen. Es ist ja gerade dieser Fehlschluss der Religionsführer, der Priester, der Rhabbis und der Mullahs, der uns zu unserer Religionskritik zwingt. Sich dann an anderer Stelle hinzustellen und wie Marx oder Lenin eine vergleichbar fundamentale politische Lehre als die einzig wahre zu predigen, ist nicht der Wesenszug eines wahren Atheisten. Leider ist dieses Wort durch eben jene (meist sozialistischen) Agitatoren diskreditiert worden.

Was ist jetzt der gegebene Anlass, von dem ich in meinem ersten Satz sprach? Mir ist schon vor einigen Tagen zu Ohren gekommen, dass ein Student meiner Universität zum Islam konvertiert ist. Über die Motive bin ich mir im Unklaren und möchte mich hier auch nicht zu Spekulationen hinreißen lassen. Die Sache weckt jedoch einiges Erstaunen und Unbehagen in der vorwiegend katholisch und evangelisch geprägten Studentenschaft. Dazu kam heute die Ankündigung, das ein islamisches Hochschulforum gegründet wurde und zur Diskussionsrunde einläd. Was stört uns jetzt daran? Rational sehen wir schnell ein, dass es uns nicht zusteht, diese Entscheidung zu kritisieren. Selbst das Hinterfragen kann als Angriff gewertet werden. Ja, was stört uns daran, dass sich ein junger gebildeter Mann mit deutschen Wurzeln einer Religion zuwendet, deren Geschichte keine Aufklärung kennt, deren Kultur keine klare Trennung zwischen Staat und Religion kennt und deren Gesetze Folter als ein legitimes Mittel der Rechtsprechung nutzen? Gute Frage. Allerdings schlecht zu stellen. Dabei ist es für mich durchaus akzeptabel, dass jeder seine Religion wählt, wie er lustig ist. Man sollte nur kritischer darüber diskutieren dürfen!

Ich sehe Religionen wie Sportarten. Wer gerne Rudert, der soll ins Ruderboot steigen. Wer gerne Fußball spielt, soll das tun. Und wer gerne intensiveren Sport nach Regeln ausüben und sich in Wettkämpfen messen will, der soll in den Verein gehen. Nun, der Verein ist soetwas, wie die Kirche. Eine Institution, mit der man eine gewisse Schnittmenge an gemeinsamen Interessen hat. Der Sport an sich ist sowas wie die Religion. Man kann ihn wie gesagt im Verein ausübern oder privat. Da ich selbst Sportler bin und mich dort fast schon leidenschaftlich sklavischen Regeln unterwerfe, kann ich verstehen, wenn Menschen sich von religiösen Glaubensgemeinschaften angezogen fühlen. Dasselbe gilt für die politischen Parteien. Probleme entstehen jedoch, wenn Ungleichverteilungen von lebenswichtigen Ressourcen Ausmaße annehemen, dass Menschen an den Rand der Gesellschaft abgedrängt werden. Dann bilden sich erst radikale, dann extremistische Gruppen, Kameradschaften, Banden, Parteien und Gemeinden, die allesamt eines gemeinsam haben: sie geben der (wohlhabenderen) Gesellschaft die Schuld an ihrer Lage. Darüber hinaus bemühen sie sich um Aufmerksamkeit.

Ich bin dafür, dass Kinder von ihren Eltern weder in Sportvereine noch in Religionsgemeinschaften gepresst werden. Beides geschieht hier in Deutschland, ohne dass es ein einziges Gesetz dagegen gibt. Ich gehörte zur ersten Gruppe. Ich war bis ich auf dem Gymnasium war der Auffassung, das alle Kinder irgendwo eine Sportart im Verein auszuüben hatten. Bis ich irgendwann merkte, dass das auf die wenigsten zutrifft. Dasselbe gilt für Kinder evangelischer, katholischer, jüdischer oder muslimischer Eltern auf der ganzen Welt. Als ich, der ich im Osten Berlins aufgewachsen bin, Jugendliche in Westberlin trainierte, kam das Thema der Konfirmation irgendwann mal zur Sprache. Die Kinder waren regelrecht erstaunt darüber, dass ich sowas nie gemacht hatte und fragten sich, was ich mit Jugendweihe meinte. Und erst diesjahr habe ich miterlebt, wie im Kindergarten zwei Kinder muslimischer Eltern extra Essen kriegten, weil sie ja als Moslems kein Schweinefleisch essen dürften. Wie sollen Dreijährige wissen, was ein Moslem ist? Im Sport gibt es manchmal noch viel grausamere Misshandlungen. Man muss sich nur mal die jüngsten Turner ansehen. In die Schule gehen die noch nicht. Und Turnen tut manchmal ganz schön weh. Ich habe prinzipiell nichts dagegen, Kinder mit Schmerzen zu konfrontieren. Aber ihnen einzureden - egal ob sportlich, politisch oder religiös motiviert - sie müssten ihn ertragen, ist in meinen Augen ein Verbrechen.

Von daher habe ich nichts dagegen, wenn sich ein erwachsener Mann für einen Glauben entscheidet. Als ich alt genug war, meinem Vater zu widersprechen, habe ich mit dem Leistungssport sofort aufgehört. Fünf Jahre später habe ich aus eigenem Antrieb wieder den Einstieg ins Rudern gefunden. Aber dafür mussten doch nicht jahrelang die Nachmittage meiner Kindheit und Jugend geopfert werden!

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Chris 11/07/2008 12:47

Sehr erhellend. Danke für die Darlegung. Regt zum Denken an. Auch ich las das besagte Darwkins Buch mit großem Interesse. Mein Fazit: Das was er in Worte kleidet habe ich irgendwie schon immer so empfunden. Desillusionierend hat es schon gewirkt; im Nachhinein betrachtet aber auch sehr erfrischend. Es ist wie Sport, recht hast du...