Was ist Kindheit?

Veröffentlicht auf von Erik

Als die europäische Geselschaft sich im Wandel der Zeit der Aufklärung befand, wurde nicht zuletzt das Bild dessen, was der Mensch ist grundlegend verändert. Bis in diese Zeit hinein - also in Deutschland um 1750 bis 1800 (in England und Frankreich Ende des 17. Jahrhunderts) - herrschte in Europa eine Ständegesellschaft vor. Der Einzelne wurde in seinen Stand hineingeboren und kam zu seinen Lebzeiten nicht wieder dort heraus. Es herrschte die feudale Staatsform des Absolutismus vor. Das bedeutet die Konzentration der (politischen und wirtschaftlichen) Macht lag in den Händen weniger Alleinherrscher. Diese Regenten standen in ihren Staaten jedoch nicht alleine da. Jede Menge Aristokraten und Verwandte scharrten sich - wie in allen feudalen Systemen auf der ganzen Welt - um den Thron und konkurrierten untereinander. Um in so einer Umgebung absoluter Alleinherrscher zu werden, war eine gewisse Entmachtung dieses Adels und zugleich die Akkumulation von deren Mitteln auf die eigene Person notwendig. Ludwig XIV. König von Frankreich hat diese Prämisse zur Pervektion erhoben. Er verbot dem Adel im Prinzip zu arbeiten und nötigte/ verpflichtete den Hochadel dazu, bei ihm am Hofe zu sein - in Versailles (stark vereinfacht gesprochen). Auf diese Weise hielt er die geborenen Landesfürsten und Führungskader an einer sehr kurzen Leine. Doch wer verwaltete jetzt das Land?

An dieser Stelle traten die Staatsdiener erstmals in bedeutender Zahl auf. Höheres Bürgertum und niederer Adel, die vom König beauftragt werden und diesem loyal sind - loyaler vielleicht, als der Hochadel, der sich mit dem König eher auf Augenhöhe sah. Diese Diener mussten aber gewisse Qualitäten vorweisen, die bis auf adeligen Schichten bisher kaum jemandem nachgesagt wurden. Sie mussten Bildung besitzen. Die Folge war die Gründung von Bildungseinrichtungen zur Rekrutierung staatsdienstfähigen Bildungsbürgertums. Gleichzeitig trat der Staat als Unternehmer auf und bestimmte die Wirtschaftsform des so genannten Merkantilismus. Auch hier waren gebildete Kaufleute und Wirtschaftsspezialisten in bis dahin nicht gekannter Zahl von Nöten, sodass neben dem allegemeinen Bildungsbürgertum noch ein ganzer Rattenschwanz an immer spezieller qualifiziertem Wirtschaftsbürgertum entstand.

Daraus folgte, dass der Einzelne - das Individuum - sozial mobil wurde. D.h. der Mensch/ der Bürger war nicht mehr an seinen Stand gebunden, in den er hineingeboren wurde. Er konnte mittels Leistung seinen Stand verbessern. Und diese Entwicklung ist es, die den Menschen das Ich und dessen Möglichkeiten immer mehr bewusst werden ließ. Die Grundgedanken der Aufklärung: eigenständiges Denken, Mündigkeit, Rationalität, Vernunft und eine ständige kritische Analyse dessen, was ist, machten Erziehung und Bildung des Menschen so nötig, wie nie zuvor. Während früher die Kindheit als ein defizitärer Lebensabschnitt betrachtet wurde, in dem einem also etwas fehlte und man Älteren schlicht zu gehorchen hattte, sind in der Aufklärung potentiell alle Menschen vernunftbegabt. Die Kindheit wird nun vielmehr als Transformationsphase mit eigenen Aufgaben betrachtet. Man spricht im Zusammenhang mit der Aufklärung auch von "Lernkindheit". Wobei Lernen hier zunächst die Bedeutung von Wissenserwerb hat.

Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau sprach hier davon, die Gesellschaft verderbe das Kind und Erziehung müsse daher isoliert und ohne direkte Einflussnahme stattfinden, um die Reproduktion der Schwächen der Gesellschaft zu durchbrechen (wie z.B. die Ständeordnung). Diese "negative" Form der Erziehung wird auch gerne mit "romantischer Erziehung" gleichgesetzt. An anderer Stelle (in Deutschland etwa) entstanden so gennante Reformschulen, die zum Ziel hatten, die Menschen gezielt aufzuklären und umzuerziehen. Anders als in Frankreich sah man in Deutschland ja davon ab, die Ständegesellschaft durch eine Revolution zu überwinden, die allenfalls im Chaos geendet hätte. Immanuel Kant sagte sinngemäß: "Der Mensch kann nur Mensch werden, durch Erziehung." D.h. der Mensch muss schrittweise an Neues herangeführt werden, sonst "würde der Mensch zu des Menschen Wolf" (sinngemäß nach Hume). In Deutschland gründete Basedow seine Philantropie, in der Wissenserwerb aus der und für die reale Welt stattfand.


(Fortsetzung folgt ...)

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