aging is optional

Veröffentlicht auf von Erik

Es boomt das Geschäft mit den Anti-Aging Produkten. Wellness-Kuren, Verjüngungscrems, Diäten und Nahrungsergänzungsmittel sind das Geschäft in dem heute die größten Zuwachsraten bestehen (ok, das kann ich jetzt nicht belegen, im Grunde ist es aber wohl so). Nichts macht den Menschen der modernen Zivilisation - und ich spreche hier nicht nur von westlichen Stadmenschen - so zu schaffen, wie die schädlichen Nebenwirkungen des Alterns. "Ab 25 Jahre gehts bergab" titelte der Fernsehsender arte erst kürzlich mit einer Dokumentation zum Schönheitswahn und plastischer Chirurgie. Heutzutage gilt: Wer schön sein will, muss jung bleiben. Anders gehts nicht! Selbst in den Straßen der Arbeiterviertel von Rio de Janeiro regiert das Schönheitsideal. Make-up für die Armen und teure Anti-Aging Produkte für die Reichen. Dabei gibt es heute nichts auf dem Markt, das erwiesener Maßen einen verjüngenden Effekt auf den menschlichen Organismus hat. In New York werden dieselben Mittelchen zu hohen Preisen angeboten, die die Schlangengiftmischer und Quacksalber vor dreitausend Jahren schon zusammengebraut haben. Nur ist das Verlangen nach Schönheit heute viel stärker. Angenommen jeder Mensch ist wie jedes Tier auch evolutionär dazu veranlagt, sich ständig mit seinen Artgenossen zu vergleichen. Auf diese Weise erstellen wir intuitive Mittelwerte in allen möglichen Kategorien: Altruismus, Inteligenz, Leistungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Alter, Aussehen, Attraktivität etc. Sieht man sich jetzt die Menschen auf der Straße und im persönlichen Umfeld an, ordnet man sich selbst in der ermittelten Skala ein und bemüht sich tendentiel darum, im Durchschnitt zu liegen. Dort gibt es die meisten potentiellen Partner und man hat die besten Chancen, den richtigen zu finden. Wichtig hierbei: es muss gar nicht bewusst so ablaufen. Es reicht, wenn die Gene den Menschen so programmiert haben, damit er sich so verhält, als würde er genau so denken. Dann setzt sich dieses Verhalten durch, weil es den maximalen Fortpflanzungserfolg garantiert. Jetzt ist mit der Entwicklung von Fotographie und Film jedoch eine Störvarriable aufgetreten, die unsere Gene nicht herausrechnen können. Durch die selektierte Schönheit und Perfektion, die so omnipräsent in allen Medien zu sehen sind, wird unsere Wahrnehmung verzerrt. Unserer Intuition nach ist der Mittelwert stark in Richtung Perfektion verschoben. Bei visueller Schönheit ist dies am stärksten zu bemerken. Wer will nicht gerne so aussehen, wie die durchtrainierten Models aus der Werbung? Wie toll sie aussehen, so überwältigend in Schönheit und Ausdruck und zugleich so dezent und natürlich - einfach ideal. Aber auch akustische Medien haben unsere Wahrnehmung getrübt. Wer im Bevölkerungsdurchschnitt gut singen kann, fliegt bei Dieter Bohlens Superstar hochkant raus! Da reicht es nicht mehr, sich mit seinesgleichen zu messen. Man muss den Ansprüchen extrem selektiver Eliten genügen, um wiederum für alle als gut zu gelten. Geradezu abartige Folgen kann da der Konsum von Pornographie haben. Da verwundert es auch nicht, dass die Anzahl der Schönheitsoperationen seit den Sechzigern extrem angestiegen ist, die Menschen also tendentiel tatsächlich schöner sind, im gleichen Zeitraum die Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen aber erheblich abgenommen hat (bezogen auf  Westeuropa und Nordamerika). Da sind mir die überfetteten, unbeweglichen Menschen in der Zukunftskomödie Wall-E fast noch lieber. Die haben (seltsamer Weise) kein Bewusstsein für ihr eigenes Äußeres. Natürlich ist diese Fiktion unrealistisch vor dem Hintergrund heutigen Schönheitswahns, aber sie offenbart auch gleich die Schwäche der modernen Filmindustrie: Zeige bereits in Kinderfilmen ein extremes Menschenbild, das aus irgendwelchen (unwichtigen) Gründen unerwünscht ist. Damit jeder gleich weiß, wo es langgeht.

"Altern ist optional" heißt es auf den Werbeplakaten einer New Yorker Anti-Aging-Group. Welcher, hab ich vergessen. Ist auch unwichtig. Natürlich können Geschäftsleute es sich leisten, nur die zu ködern, die nicht altern wollen und den Kunden die Entscheidung zu überlassen. Nur werden die schon ihr ganzes Leben lang massiv beeinflusst. Die Schönheitsselektion der Medien treibt die Kunden scharenweise in die Salons, Fittnessstudios und Schönheits-OPs. Und diesen Trend machen sich auch ernsthafte Life-extension Forscher zu nutze. Deren eigentliches Ziel ist ja die Unsterblichkeit, nicht die Schönheit. Aber wenn ein unsterblicher Körper jung bleibt, kann man das ja auch für sich vermarkten und somit schließlich das Bewusstsein und die Aufmerksamkeit für die Unsterblichkeit gewinnen.

Ja, Altern ist optional. Aber nicht heute. Nicht in unserer Welt. Schön wär's! Aber wer mit 35 nicht merkt, das er keine 25 mehr ist und wer mit 45 nicht merkt, dass es bergab geht und mit 55 wie ein aufgebügeltes altes Hemd rumläuft, wird mit 65 wie ein welker Teenager aussehen und mit 75 eine Heidenangst vor dem Schatten der Zukunft kriegen.

Verbannt diesen Schönheitswahn aus unseren Medien! Verbietet diese Produkte, die Altern zu einem Fehler deklarieren!

Forscht nach der Unsterblichkeit!
Aber um dem Menschen zu einer höheren Existenz zu verhelfen und nicht um niedere Triebe zu befriedigen.

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